Das Kultivieren des Leeren Feldes -
Praxisanleitungen zur Schweigenden Erleuchtung
von Zen-Meister Hongzhi Zhengjue
(Wanshi Shôgaku, 1091-1157).
Aus dem Chin. ins Engl. übertragen und mit einer
umfangreichen Einführung von
Taigen Dan Leighton und Yi Wu,
aus dem Engl. ins Deutsche übertragen von
M.B. Schiekel.
2. Auflage: 199 Seiten, € 24.00,
edition steinrich, Berlin, 2025, ISBN: 978-3-942085-85-4.
Rezension: Stephan Porombka,
Buddhismus aktuell 1/2026, S.68.
©opyright 2026, Buddhismus aktuell und Stephan Poromka.
Veröffentlichung hier mit freundlicher Genehmigung von
Stephan Porombka und Buddhismus aktuell.
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Kein Atem. Kein Mantra. Kein Sutra. Auch keine Rätsel. Meister Honghzi hat vor 850 Jahren eine
Meditationsweise empfohlen, die nichts anderes als das Sitzen kennt. Shikantaza wird das später heißen und
sich als grundlegende Praxis für das Zen der Soto-Schule über die ganze Welt verbreiten. Wer es übt, nähert
sich der „schweigenden Erleuchtung“. Aber nicht, weil es den anderen Zustand als äußeres Ziel anpeilt. Es
geht allein ums Sitzen. Zu leuchten beginnt, wer sitzend loslassen kann, was die Gedanken verstrickt.
„Lass das unterscheidende Handeln“, sagt Honghzi, „tritt ein in die klare Weisheit und tolle umher in
Samadhi.“
Das ist einfach gesagt, aber schwer umzusetzen. Noch schwerer ist es, konkret zu sagen, was genau man
tun muss, wenn man nichts tun muss, um sitzend voranzukommen. Honghzi versucht es nicht. Denn er weiß:
Er müsste erklären, was letztlich unerklärlich ist. Erst die eigene Erfahrung lässt das „leere Feld“
erkennen – etwas, das man schon immer in sich trägt und dem man sich hingeben muss, um sich in seine
unermessliche Weite hinein zu öffnen.
Doch auch, wenn Honghzi es nicht erklären mag, nähert er sich der konkreten Praxis doch mit 56 kurzen
Texten an. Sie lassen sich wie zarte poetische Stücke, in denen er tuschehafte Wortbilder malt,
Atmosphären öffnet, flüchtige Klangspuren legt. „Schilfblüten und helles Mondlicht fließen ineinander“,
notiert er für den Moment, in dem man sich vom Strom der Gedanken abwendet. „Mit eingezogenen Rudern
treibt das einsame Boot mühelos vorbei. Bitte sage mir, wer würde in diesem Moment das Auge der
Unterscheidung entfalten wollen?“
Dogen Zenji, der wortgewaltigste und poetischste aller Patriarchen der Zen-Tradition, kannte Honghzis
Notizen und Verse und führte sie mit derselben Verpflichtung auf das Sitzen und derselben Klarheit
weiter: Man darf sich nicht aus der Welt heraussitzen. Es gilt, in sie zurückkehren, um angemessen zu
handeln und den anderen Wesen zukommen zu lassen, was man durch die Berührung des leeren Feldes an
Offenheit, Heiterkeit, Gelassenheit gewinnt.
Sich dem anzunähern wird möglich durch die schöne, handliche Ausgabe, die jetzt wieder aufgelegt worden
ist. Eine Auswahl der Verse Honghzis und eine prägnante Einführung machen die 55 „Praxisanleitungen zur
schweigenden Erleuchtung“ neu zugänglich. Zur Sammlung gehört auch einer von Dogens Lieblingstexten,
„Die Akupunkturnadel des Zazen“. Darin beschwört Honghzi ein Verstehen, das keinen Objekten begegnet
und keine Dinge berührt. „Nie die leiseste Identifikation zeigen, diese Erleuchtung ist vollkommen, ist
ohne Ergreifen“, schreibt er, um die Leserinnen und Leser dann mit Worten und Bildern hineinzuschwingen:
Das Wasser ist klar bis hinunter zum Grund,
Fische schwimmen träge herum.
Der Himmel ist unermesslich, ist ohne Ende,
Vögel fliegen weit in die Ferne.
Gerade wegen solcher Verse ist das „Das Kultivieren des Leeren Feldes“ ein Übungsbuch, das man bei
sich tragen kann – zur Unterstützung auf dem Weg, das leere Feld zu entdecken. Es liegt ja nicht fern.
Man muss lediglich viel sitzen, um anzukommen.
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